Ein Zufall rettete ihn und seine Familie
Der Holocaust-Überlebende Uri Strauss erzählte in der sek mättmi seine bewegte Lebensgeschichte

Uri Strauss hasst das Geräusch einer Türklingel. Seine Wohnung hat keine – er hat sie deaktiviert. Denn das Läuten einer Türklingel erinnert ihn noch heute schmerzhaft an seine Kindheit in Amsterdam, wo sie als jüdische Familie in ständiger Angst lebten und das Klingeln an der Haustüre grosses Unheil bedeuten konnte. Nie wussten sie, wer auf der anderen Seite der Türe stand – Freund oder Feind? Es konnte über Leben und Tod entscheiden.
Auf Initiative von Erika Bigler, Präsidentin des Vereins für zeitgemässes Lernen und Lehrperson an der sek mättmi, erzählte Uri Strauss als Zeitzeuge über seinen furchtvollen Alltag während des Zweiten Weltkriegs. Im Publikum sassen Schülerinnen und Schüler der dritten Sekundarstufe, die er mit den Worten begrüsste: «Wer seine Geschichte nicht kennt, ist verdammt, sie zu wiederholen.»
Gestapo-Daten im Ofen verbrannt
Seinen Eltern, deutschen Juden, wurde – wie allen jüdischen Bürgern Deutschlands – die Staatsangehörigkeit entzogen. Sie verliessen Deutschland bereits vor Kriegsausbruch und lernten sich in Amsterdam kennen. Im März 1940 wurde Uri Strauss geboren, sieben Wochen vor Einmarsch der deutschen Truppen in die Niederlande. Anfangs wähnte sich die Bevölkerung noch in relativer Sicherheit, doch dies änderte sich bald schlagartig.
Am 15. Juli 1942 erliessen die deutschen Besatzer ein Dekret, das alle jüdischen Jungen im Alter von 15 bis 18 Jahren zum Arbeitseinsatz nach Deutschland verpflichtete. Am Tag der Abreise herrschte am Bahnhof blankes Entsetzen. Die Jugendlichen verabschiedeten sich von ihren Eltern, nicht wissend, wo ihre Reise enden würde. Viele Eltern glaubten, ihre Kinder bald wiederzusehen. Stattdessen wurde es ein Abschied für die Ewigkeit. Die grausamen Deportationen hielten bis 1944 an, bis es in den Niederlanden praktisch keine jüdische Bevölkerung mehr gab. Vor dem Krieg lebten dort etwa 120000 Juden, nur knapp 20000 überlebten.
Wie gelang es der Familie Strauss zu überleben? Als Deutsche kannten die Eltern die Mentalität der Besatzer. Die richtigen Dokumente, gute Beziehungen und stets korrektes Auftreten waren überlebenswichtig. Ebenso Glück und Gottvertrauen.
Am 26. Mai 1944 führten die Nazis die grösste Razzia im Zentrum Amsterdams durch. Die Familie Strauss lebte schräg gegenüber der Hauptsammelstelle, von wo sie über Jahre hinweg das tägliche Leid der jüdischen Bevölkerung mitansehen musste. An jenem Frühlingsmorgen wurden sie um 6 Uhr von ihrem Freund Walter Süskind geweckt. Er wies sie an, sofort mit ihm in die nahe gelegene Kindertagesstätte zu gehen. Es wurde ihnen und vielen anderen Familien versichert, da von der Razzia der SS und Gestapo verschont zu bleiben.
Kurz nach ihrer Ankunft in der Kindertagesstätte entschieden sich Uri Strauss’ Eltern, im oberen Stockwerk etwas Ruhe vor dem hektischen Treiben im Erdgeschoss zu suchen. Ein spontaner Entschluss, der ihr Leben retten sollte. Denn entgegen der Absprache stürmten plötzlich SS-Truppen das Gebäude und verschleppten Männer, Frauen und Kinder aus den unteren Räumen. Die Familie Strauss verharrte in angstvoller Stille bis in die Abendstunden. Sie fanden das Viertel menschenleer vor. An diesem schwarzen Tag wurden 5000 Juden aus Amsterdam deportiert.
Am folgenden Tag beschloss der Vater, dass sie dringend eine neue Identität brauchten. Die Familie brauchte eine neue Nationalität. Denn als Staatenlose waren sie Freiwild. Der Onkel der Mutter lebte in Zürich und besorgte ihnen einen gefälschten Schweizer Pass – sowie zusätzlich einen paraguayischen. Als Nächstes musste ihr Dossier bei der Gestapo verschwinden. Denn wenn es kein Dossier mehr gab, bedeutete das, dass die Menschen bereits deportiert worden waren.
Erneut half ihnen ihr guter Freund Walter Süskind. Dank seiner engen Kontakte zu den Behörden gelang es ihm, die Dokumente der Familie Strauss aus dem Gestapo-Archiv zu entwenden – und im Ofen zu verbrennen. Die Familie existierte offiziell nun nicht mehr.
Ergriffene Jugendliche
Zum Schluss seiner Ausführungen appellierte Juri Strauss an die Jugendlichen im Saal, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, gerade in diesen unruhigen, fragilen Zeiten. «Die Geschichte wird unweigerlich Teil der Zukunft. Denn das Morgen wird auf heute gebaut. Wer nicht weiss, was früher war und die Fehler von gestern wiederholt, hat kein Morgen.» Sichtlich ergriffen ob der bewegten Lebensgeschichte nutzten die anwesenden Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, ihre Fragen vorzubringen und sich rege mit Uri Strauss auszutauschen.
Weitere Zeitzeugenberichte finden sich auf www.last-swiss-holocaust-survivors.ch/
und im digitalen Buch «Schweizer Jugend im Zweiten Weltkrieg», www.ch-jugend2wk.ch, welches in Zusammenarbeit mit der Gamaraal Foundation entstand